Habemus Papam – Wir haben einen Papst! Ob in der Zeit vom 23. bis 24. September in Erfurt allerdings auch die weißen Friedens-Verkündungsrauchschwaden von den hiesigen Bratwurstständen ihren Weg gen seligen Himmel suchen werden, dass weiß Gott – äh Josef – ganz allein. Denn betrachtet man sich die Informationsmassen ganz genau, die dieser Tage unter die wissbegierigen Bürger gestreut werden, so ist eins ganz klar: Wenn Josef kommt, geht auch in Erfurt nichts mehr. Auch kein Morgenspaziergang durch die Altstadt. So kann ein Vollrausch, in Daheym oder Hemingway noch selig angesoffen, schon am Samstagmorgen um 4:00 Uhr zur bösen Falle -ausgelegt von der anwesenden Staatsmacht- werden. Hat man nämlich weder Personalausweis noch Reisepass dabei (Kreditkarte, Führerschein und auch die Krankenkassenkarte gelten nicht!), weil man diese ungläubig wie man nun mal ist, zu Hause in Marktstraße oder Pergamentergasse und Johannessstraße … – ach machen wir es kurz: in ganz Erfurt-Altstadt hat liegen lassen, kann es einem durchaus passieren, dass man die gleiche luxuriös ausgestattete Schlafstätte zur Verfügung gestellt bekommt wie unser Papst Benedikt XVI. – eine Zelle mit Aussicht auf Glaubensvertiefung. Während der Oberhirte der Katholiken, Herr über Buben-Grabscher und Chefideologe aller Homo-Hasser, sein Seelenheil in der einstigen Brutstätte des Evangelismus – in Luthers Augustinerkloster – in einer Einzelzelle des dortigen Priesterseminars zelebrieren darf, kann der besoffene Morgenquerulant allerdings schon jetzt davon ausgehen, dass der Bulle, der das kürzeste Streichholz und somit die Nachtschicht auf Wache gezogen hat, weit weniger “nächstenliebend” aufgelegt sein wird. Amen.

ILLUSTRATION - Die "Ratzefummel", Radiergummis mit dem Porträt von Papst Benedikt XVI. sind am Donnerstag (04.08.2011) in einem Andenkengeschäft in Erfurt zu sehen. Gut 50 Tage vor dem Deutschlandbesuch des Papstes Georg Ratzinger ist der "Ratzefummel" wieder einer der Renner in Touristen-Shops in Erfurt, Freiburg und Berlin. Außerdem findet man hier mittlerweile kleine Rosenkränze, skurrile Postkarten, Schlüsselanhänger, Kerzen in allen Größen und Abziehbilder mit dem Papst-Portrait. Foto: Martin Schutt dpa/lth (zu dpa-Korr am 08.08.2011) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Der Papst kommt also nach Erfurt und rückt damit unser Provinzkäffchen in den Blick einer Weltöffentlichkeit, welchen unsere Stadt bis dato noch nicht erlebt hat. Da verblassen selbst so charmante Domplatz-Augenblicke, als Kanzler Kohl den Erfurtern blühende Landschaften jenseits der Ega versprach oder unser aller Yvonne Catterfeld, hier nackte Erfurter in Badewannen zählte – weil “Wetten dass?!” und Thomas Gottschalk es so wollten. Der Unterschied ist, und diesen besetze ich jetzt einmal absichtlich positiv, dem konnte man sich damals – egal ob bundesdeutsche oder TV-Geschichte – entziehen, sofern man wollte. Egal ob Kanzler oder Samstagabendshow, in der Freiwilligkeit der Anteilnahme am Geschehen lag die Freiheit des Ganzen. Ganz anders als heute. Die einzige Freiheit, so scheint es mir jedenfalls, ist die, Erfurt an den biblischen Tagen gen Hölle zu verlassen. Im Automatismus der Katholiken, die davon ausgehen, dass unser aller Heilsbringer Josef Ratzefummel in Zentrum von Gut und Himmel weilt, kann selbst der Ausflug nach Sömmerda an diesen Tagen zum Höllenritt werden. Obwohl, die Wahrheit ist hier, die Hölle ist niemals weit. Aber das kann dem Erfurter diesen September sehr egal sein, denn er verweilt ganz und gar unfreiwillig im Zentrum der Macht und kann dieser nur bewaffnet mit Ausweis und Sondergenehmigung unter die Augen treten.

Sicherheitsbereich Stadt Erfurt
Es ist die unverhohlene, unreflektierte Jubelarie die im Antlitz des Papstes forciert wird, und mir somit die Sorgenfalten auf die Stirn treibt. Nicht nur in Erfurt, aber eben auch hier. Unsere Stadt verkommt zum heiligen Sperrgebiet und der Bürger zum Träger von Blume und Winkelement. Und wenn der Bürger nicht will, dann kontert der Katholik zum Beispiel über die geplanten Proteste zur Rede des Papstes im Bundestag: “… das ist so kleinkariert, und das ist so engstirnig, dass man nur darüber lachen oder weinen kann” (der Kölner Erzbischof Joachim Meisner im Stern). Da die für ihren ausgeprägten Sinn für Toleranz und Liberalismus berühmte Katholiken-Sippe unter anderem in dieser Äußerung und für meine Begriffe, ihre eigene Religion ad absurdum führen, will ich die Debatte über Sinn und Unsinn der heiligen Institution hier nicht weiter ausführen. Genauso wenig will ich (nicht) über die Millionen von Euro debattieren, die der achso ökumenische Staatsbesuch kostet. Sicherlich, die hiesigen Schäfchen haben das Kleingeld ihrer Klingelbeutel für den Besuch des Hirten größten Teils selber zusammengekratzt, aber ohne Staatsmittel käme der Papst trotzdem nicht zur Bratwurst. Wie man die geschätzten 25 bis 30 Millionen Euro, das kann so eine Papsttour trotz Übernachtung in der Kloster-Nasszelle schon mal kosten, angesichts gravierender Hungerkatastrophen auf dieser Welt hätte besser verwenden können, möchte ich an dieser Stelle nicht mehr erläutern. Das wäre dann doch sehr engstirnig und kleinkariert von mir. Amen.
WICHTIGE Informationen zum Thema:
Die Papst-Millionen – Was kostet die Heiligkeit? (TagesSpiegel)
Boykott im Bundestag – Zwischen Respekt und Abscheu (SPIEGEL)
Alle wichtigen Informationen zu den Abläufen in Erfurt - Fragen und Antworten (ERFURT.DE)
Heidenspaß statt Höllenangst – Organisierter Widerstand in Erfurt (Papstabschaffen.blogsport.de – BLOG)